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- 3 hours in 1 second! oder What can i say with just one playlist? - ist eine online-Ausstellung, die sich mit dem Phänomen online-Video am Beispiel des YouTube Portals auseinandersetzt.

Künstler, Kuratoren und Wissenschaftler, die in ihrer Arbeit in Auseinandersetzung zu den Entwicklungen des Netzes stehen, wurden eingeladen in ästhetischer Form (ihre/eine) Position zu beziehen: Cory Arcangel (US), Constant Dullaart (NL), Exonemo (JP), Joel Holmberg (US), JODI (NL), Carlos Leon-Xjimenez (PE), Guthrie Lonergan (US), Sandra Naumann (D), Thomas No:sler (D), Simon Ruschmeyer (D), Sakrowski (D), Igor Stromajer (SL), Franz Thalmair (AT), Bennett Williamson (US)
Zu diesem Zweck wurde eine WebApp zur Verfügung gestellt, die es ermöglicht YouTube-Filme in ein Gitter einzubetten. Die Gitter besitzen das gleiche Außenmass, variieren jedoch in ihrer Unterteilung. So gibt es Raster in 2x2, 3x3 und 4x4 Feldern. Die Form des Gitters wurde gewählt, weil so auf die klassische Bildform des Rechtecks Bezug genommen werden konnte. Die sich daraus ergebende Bildform changiert zwischen Film, Bild und Multi-Channel-Video- Installation. Dem Publikum ist es möglich die Filme zu steuern, d.h. sie starten und stoppen zu lassen, wodurch die Bilder sich in einem steten Wandel befinden. Die auditiven Elemente des Films erweitern die Bildwahrnehmung ebenfalls, so dass im Zusammenspiel all dieser Elemente eine Form entsteht, die sich konventionellen begrifflichen Definitionen entzieht. Aber gerade durch die Bildform lassen sich die künslerischen Positionen auf einen Blick wahrnehmen und ästhetisch verstehen als auch vergleichen.

Folgende Fragestellungen und Hypothesen motivierten dieses Ausstellungsexperiment:
Was ist Kunst? Kunst ist ein Ergebnis, eines sich im schöpferischen Handeln selbst reflektierenden Prozesses, der mittels eines dabei entstehenden Ausdrucks, eine Positionsbestimmung zur Welt vornimmt.
Was ist Kuratieren? Kuratieren ist Auswählen um auszustellen und zu bewahren. Im Prozess der Selektion sieht man sich immer mit der Frage konfrontiert "Warum Dieses und nicht Jenes?" Die Beantwortung hängt von Prämissen ab, die nicht unbedingt aus dem Ausgewählten selbst abzuleiten sind - unterschiedlichste Motivationen und Auswahlkriterien können hier greifen.
Wenn die Motivation jedoch darin besteht, sich über die Zusammenstellung in der Auswahl selbst zu verständigen, d.h. im Ordnen ein Ausdruck erzwungen wird, der über ein ästhetisches Urteil bestimmt werden kann, ist der Übersprung zum künstlerischen Handeln nicht weit.

Die User, die allein auf dem Video Portal YouTube 3h Filmmaterial pro Sekunde heraufladen, verändern unsere Vorstellungen von dem, was ein Künstler oder ein Kunstwerk sein kann, allein durch die schiere Quantität ihrer Statements. Das Unkalkulierbare der (Um-)Nutzung vorgedachter symbolischer Welten besitzt eine gestaltende Kraft, die nicht nur die Rolle tradierter Distributionsmedien, sondern auch die Kultur der Moderne bestimmende Begriffe wie Original, Authentizität, Autor und Künstler in Frage stellt - und das, ohne dass die neuen Protagonisten an dem seit mehr als 90 Jahre währenden kritischen Diskurs teilnehmen würden - Sie Reden nicht - Sie Handeln.

Das Netz ist weit mehr als ein kollektives Gedächtnis, es ist Ausdruck unseres kollektiven Selbstverständnisses. Die Unterscheidung von virtuell und real, dieses dualistische Denken muss überwunden werden, da die Welt sich so nicht mehr zutreffend beschreiben lässt. Die Verzahnung von Netz und Lebenswirklichkeit hat sich in solch hohem Maße gesteigert, dass eine Unterscheidung hinfällig geworden ist. So ist die Bezeichnung Prosumer als ein Zeichen dieser Verschränkung von Teilnahme und Produktion zu verstehehen. Diese Form des Produktionsprozesses ist als ein, am Eigenausdruck arbeitender, ästehtisch verstanden - reflexiver Prozess der Weltaneignung und Selbstverständigung zu begreifen. Als solcher ist er nicht nur auf die Späre der Kunst oder der Ökonomie begrenzt, sondern erfasst alle menschlichen Bereiche. Damit ist es nicht mehr verwunderlich, dass auch von einem Verlust des Privaten gesprochen wird, denn in diesem umgreifenden Produktionsprozess löst sich ebenfalls die Dualität von Privatem und Gemeinschaftlichem auf.

Der als Verlust wahrgenommene Effekt des Verschwindens von Autorenschaft, um nicht sogar zu sagen der Identität, zeigt sich nicht nur in der gewandelten Rolle des "Künstlers" und dessen "Werken". Insbesondere der damit zusammenhängende und sich deshalb wandelnde Begriff der Identität, der das Verschieben seiner Bedeutung vom sich autonom verhaltenen Subjekt zu einem durch und durch vergesellschafteten Wesen erlebt, destabilisiert das Selbstempfinden der Menschen. Festzustellen ist, dass die so genannten neuen Medien nicht (ausschließlich) als Distributionskanal einer irgendwie gearteten Information verstanden werden, sondern als Mittel zu purer Selbstvergewisserung und Selbstverständigung benutzt werden. Es ist nicht wichtig, was am (mobilen) Endgerät eingegeben wird, wichtig ist allein nur, dass ein Anschluss besteht! Wichtig scheint nicht die Kommunikation selbst, sondern nur dass mögliche Teilnehmer folgen (followers), dass es überhaupt jemanden gibt, der die eigene Anwesenheit bezeugt (friends). Die Bestimmung des eigenen Standpunktes wird über die Gestaltung eines Netzwerkes erreicht. Denn nicht die Entitäten selbst besitzen Bedeutung, die Bedeutung scheint erst in ihrem Kontext, in den Relationen, die sie eingehen und einnehmen, auf. Die Bewertung (ranking) ist somit integraler Bestandteil dieses Neuordnens von Identität. Bewertung ist verwoben mit der Idee einer Auswahl. In vielen Fällen wird diese Auswahl zum wirklichen Kuratieren. Wenn z.B. User "Inhalte" anderer User erneut in das Netz einspielen, dann sorgen sie auch (häufig bewusst) für den Erhalt dieser. Das Vergleichen und Bewerten, das Teilnehmen am endlosen Strom, bildet sozusagen das eigene Selbstverständnis erst über diese Form der Selbstverständigung heraus. Eine Selbstverständigung braucht nur einen Zeugen, aber keinen anderen (weiteren) Teilnehmer. Die Unmengen an so genannten privaten Videos lassen sich so als Versuch verstehen ein Selbstverständnis innerhalb dieser neuen Welt aufrecht zu erhalten. Die Ausstellung lässt sich als Versuch verstehen zu diesen Phänomenen in ästhetischer Auseinandersetzung bewusst Stellung zu beziehen.

Februar 2010 - Sakrowski

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